Wir feiern es. Agenturen feiern es. Kunden feiern es.
KI übernimmt die "Drecksarbeit". Endlich müssen wir keine 50 Banner-Variationen mehr händisch anlegen. Endlich schreibt ChatGPT die ersten drei Entwürfe für die Social-Media-Captions. Endlich generiert Midjourney die Moodboards, für die wir früher Stunden auf Pinterest verbracht haben.
Das Versprechen: Mehr Zeit für das Wesentliche. Mehr Zeit für echte Kreativität.
Aber wir übersehen dabei ein fundamentales Problem, das uns in fünf bis zehn Jahren mit voller Wucht treffen wird. Ein Problem, das nicht technischer, sondern struktureller Natur ist.
Das Verschwinden der "Lernwiese"
Warum stellen Agenturen Junior Creatives ein? Um zu lernen, richtig. Aber auch, um genau diese Fleißarbeiten zu erledigen, die jetzt die KI übernimmt.
Das Freistellen von Bildern, das Anpassen von Layouts, das Schreiben von hunderten Headlines, von denen 99 im Papierkorb landen – das war nicht nur billige Arbeitskraft. Das war Training.
Es war das "Karate Kid"-Prinzip: "Auftragen, polieren". Durch die ständige Wiederholung einfacher Aufgaben entwickelten Juniors ein Gefühl für Proportionen, für Tonalität, für das Handwerk. Sie lernten, warum eine Headline funktioniert und eine andere nicht, indem sie die schlechten schrieben und Feedback bekamen.
Wenn diese Aufgaben wegfallen, fällt die wirtschaftliche Rechtfertigung für eine Junior-Stelle weg. Warum jemanden bezahlen, der langsamer und schlechter ist als ein 20-Euro-Abo pro Monat?
Die Senior-Lücke von 2030
Das Szenario ist simpel und erschreckend:
- Wir stellen weniger Juniors ein, weil KI die Einstiegsaufgaben erledigt.
- Die wenigen Juniors, die wir haben, werden sofort zu "Prompt Engineers" oder "AI Operators". Sie orchestrieren Ergebnisse, statt sie selbst zu erzeugen.
- Ihnen fehlt das tiefe Verständnis für das Material. Sie können beurteilen, ob ein Bild "cool" aussieht, aber sie verstehen vielleicht nicht mehr die Kompositionsregeln dahinter, weil sie sie nie selbst anwenden mussten.
Und dann spulen wir 10 Jahre vor. Die aktuellen Senior Creatives und Creative Directors gehen in Rente oder wechseln die Branche. Wer rückt nach?
Es rücken Leute nach, die nie gelernt haben, wirklich zu gestalten oder zu schreiben. Sie haben gelernt, Tools zu bedienen, die das für sie tun. Aber um ein Creative Director zu sein, muss man in der Lage sein, die Arbeit anderer zu bewerten, zu korrigieren und zu lenken. Man muss das Handwerk so tief verinnerlicht haben, dass man es blind beherrscht.
Wie soll ein CD einem Junior (oder einer KI) Feedback zur Typografie geben, wenn er selbst nie manuell gekernt hat?
Die Lösung: Ausbildung neu denken
Wir dürfen den Kopf nicht in den Sand stecken. KI geht nicht mehr weg. Aber wir müssen die Rolle des "Junior Creative" neu definieren und aktiv schützen.
Wenn die wirtschaftliche Notwendigkeit für "Fleißarbeit" wegfällt, muss die Ausbildung akademischer und mentoring-lastiger werden. Agenturen müssen Geld in Juniors investieren, nicht weil sie sofort profitabel sind, sondern als Investition in die Zukunft der eigenen Firma.
Wir müssen:
- Sandbox-Projekte schaffen, in denen Juniors bewusst "ohne KI" arbeiten müssen, um die Grundlagen zu lernen.
- Deep-Dive Mentoring betreiben, wo Seniors erklären, warum die KI dieses Ergebnis geliefert hat und was daran gut oder schlecht ist.
- Die Hybrid-Rolle akzeptieren: Ein Junior muss heute beides lernen – das klassische Handwerk UND das Orchestrieren von KI.
Wenn wir das nicht tun, haben wir in zehn Jahren Agenturen voller Piloten, die noch nie ein Flugzeug manuell gelandet haben. Und wir alle wissen, was passiert, wenn dann der Autopilot ausfällt.